Wie den Kopf beisammen behalten, wenn die Welt kopfsteht?

Ein gestandener Texter sagte mal in einem Referat: «Texter ist der schönste und zugleich schwierigste Beruf.» Ich konnte mir damals keinen Reim auf diese Aussage machen, doch gerade jetzt, in diesem Moment, spüre ich, was er meinte:

Während ich versuche, ins Thema einzutauchen, sitzen zwei meiner Familienmitglieder schniefend und hustend eingesperrt in ihren Zimmern. In Europa ist Krieg. Meine Mutter operiert den grünen Star. Ich bin in Quarantäne und der Kühlschrank ist leer.

Gedanken-Plage

Um jetzt texten zu können, muss ich diese Gedanken-Plage verdrängen, alles um mich herum vergessen und meine ganze Aufmerksamkeit auf die Botschaft dieses Artikels richten. Das ist schwierig. Ich weiss aber, tauche ich ganz in die Arbeit ein, werde ich mit einer Leichtigkeit belohnt. Meine Existenz scheint sich aufzulösen bis auf meine Finger, die wie von selbst tippen. Die Bürden der Welt fallen von mir ab und ich erlebe einen glücklichen Flow. Das ist schön.

In den Flow finden

Je schrecklicher die Ereignisse, desto schwerer lassen sie sich ausblenden. Doch haben die meisten von uns keine andere Wahl, als zu texten, denn am Ende füllt es uns den Kühlschrank. Gleichzeitig ist die geliebte Arbeit ein Rettungsanker – im Flow entfliehen wir der Realität.

Tätigkeiten, die wir beherrschen, versetzen uns in einen Flow, sobald wir nach Perfektion streben, fand der Glücksforscher Mihaly Csíkszentmihályi heraus. Ich ziehe daraus den Umkehrschluss: Fliessen die Worte mal nicht, sind wir offenbar nicht motiviert genug unser Bestes zu geben.

Wir motiviert man sich als Texter*in das Beste zu geben, während die Welt kopfsteht?

Ich liebe meine Arbeit und im Moment benutze ich sie tatsächlich als Rettungsanker. Ich tauche gerne ein und lasse die Welt um mich herum versinken. Gelingt das nicht schnell genug, gehe ich zuerst joggen. Das führt mich schon mal in einen körperlichen Schwebezustand, der mir hilft, die Gedanken zu ordnen. Wer nicht joggen mag, bevorzugt vielleicht Yoga oder Meditation. Csíkszentmihályi nannte in einem seiner Bücher das Autofahren gedankenbefreiend. Fenster putzen, bügeln, aufräumen – sie erfüllen denselben Zweck. Das Ziel ist, in einen oberflächlichen Flow zu gelangen, der nicht die hohe Konzentration fordert, wie das Texten.

Beim Joggen denke ich an den Kunden, für den ich schreiben sollte. Ich stelle mir vor, wie er in seinem Geschäft vergeblich auf Kundschaft wartet. Sein Magen knurrt. (In Wirklichkeit geht es ihm recht gut, doch stelle ich mir vor, was passiert, wenn ich nicht mein Bestes gebe, bringe ich leichter die nötige Ernsthaftigkeit auf.)

Als Nächstes denke ich an die fehlende Kundschaft des Kunden und daran, was sie verpasst. Was sind das für Menschen, die glücklich wären, wüssten sie mehr vom Angebot, über das ich schreiben soll? Welches Glück würde ihnen die Nutzung dieses Angebotes bescheren?

Nach dem Jogg, zurück am Schreibtisch, tauche ich sofort in den Text ein und erst Stunden später wieder auf.

Wie jetzt, in diesem Moment.

Meine Tochter hustet. Mein Sohn hat Hunger. Die Welt steht kopf. Aber ich durfte mich eine Weile selbstvergessen dem schwierigsten und zugleich schönsten Beruf hingeben. Das macht mich glücklich und dankbar.

Porträt von Bernadette Dettling, Webtexter, Website-Texter, Online Redakteur aus Freienstein, Zürich

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